Am 7. Mai 2026 fand in Karlsruhe der fünfte Teil unserer deutsch-französischen Veranstaltungsreihe „Zirkuläres Bauen“ statt – diesmal zu dem Thema Zwischen Strategie und Praxis.
Wie Wiederverwendung, Forschung und kommunale Strategien die Bauwende voranbringen können
Wie kann zirkuläres Bauen aus der Nische in die breite Umsetzung kommen? Welche politischen Rahmenbedingungen, technischen Lösungen und praktischen Erfahrungen braucht es dafür?
Diesen Fragen widmete sich die fünfte Ausgabe unserer deutsch-französischen Veranstaltungsreihe „Zirkuläres Bauen“ am 7. Mai 2026 in Karlsruhe.
Mit Besichtigungen, Fachvorträgen und einer intensiven Gesprächsrunde brachte die Veranstaltung Akteur:innen aus Forschung, Architektur, Verwaltung, Planung und Industrie zusammen. Besonders wertvoll war dabei der grenzüberschreitende Austausch zwischen Deutschland und Frankreich: Teilnehmende beider Länder konnten voneinander lernen und gemeinsam diskutieren, wie die Bauwende konkret gelingen kann.
Die Resonanz war durchweg positiv. Viele Teilnehmende betonten, wie inspirierend es war, konkrete Beispiele zirkulären Bauens direkt vor Ort zu erleben.


Wiederverwendung sichtbar machen: Der Malzturm als Praxisbeispiel
Der Tag begann mit einer Besichtigung des Malzturms auf dem Hoepfner-Areal in Karlsruhe – einem eindrucksvollen Beispiel dafür, wie Bestandsgebäude weitergedacht und wiederverwendete Bauteile sinnvoll integriert werden können. Die Architektin Maria Schiller (zwo18) gab spannende Einblicke in den Prozess des zirkulären Umbaus.
Im Gebäude wurden zahlreiche Elemente aus anderen Bauprojekten wiederverwendet:
Fenster und Türen, Sanitäranlagen, Leuchten, Tragwerkselemente, Natursteinbauteile sowie Innenausbauten aus gebrauchten Materialien.





Highlight: Alte Holzfenster als Raumteiler oder alte Steuermodule als Wandschränke.
Besonders begeistert waren viele Teilnehmende von einer Innentrennwand aus wiederverwendeten Holzfenstern aus dem Stadtgebiet Karlsruhe. Die Konstruktion machte unmittelbar sichtbar, welches gestalterische Potenzial in wiederverwendeten Bauteilen steckt.
Dabei wurde auch deutlich:
Wiederverwendung bedeutet derzeit nicht automatisch „billiger bauen“. Der zusätzliche Aufwand für Rückbau, Prüfung, Lagerung und Anpassung der Bauteile ist häufig hoch. Vieles funktioniert aktuell nur durch enge Zusammenarbeit und großes persönliches Engagement aller Beteiligten.
Gleichzeitig zeigte das Projekt aber auch:
Gut gepflegte Bauteile besitzen einen enormen materiellen und energetischen Wert.
Am Beispiel der wiederverwendeten Fenster wurde diskutiert, wie komplex die ökologische Bewertung im Bestand ist. Der CO₂-Fußabdruck neuer Produkte kann so hoch sein, dass die Weiternutzung bestehender Bauteile über viele Jahre die nachhaltigere Lösung bleibt.
Ein weiterer zentraler Punkt:
Selektiver Rückbau muss sichtbarer und stärker wertgeschätzt werden. Genau dort können enorme Ressourcen erhalten werden.
„Unsere heutigen Gebäude sind die Materiallager der Zukunft.“
Zirkuläres Bauen braucht daher:
- bessere Dokumentation von Bauteilen,
- mehr Sichtbarkeit vorhandener Materialwerte,
- und Gebäude, die von Anfang an rückbaubar geplant werden.
Smart East: Flexibilität statt Mehrverbrauch
Als zweite Station führte Dr. Christoph Schlenzig (seven2one) durch das Quartier „Smart East“ rund um den Malzturm. Dort wurde deutlich, dass zirkuläre Stadtentwicklung nicht nur Materialien betrifft, sondern auch Energie- und Verbrauchssysteme. Im Mittelpunkt stand die Frage: Wie kann Energieverbrauch flexibler und intelligenter gesteuert werden?
Große Verbraucher wie Wärmepumpen, Elektroautos oder Batteriespeicher können künftig gezielt dann betrieben werden, wenn viel erneuerbare Energie verfügbar ist oder Strompreise niedrig sind. Grundlage dafür sind digitale Systeme und intelligente Messgeräte („Smart Meter“).
Für intelligente und ressourceneffiziente Energiesysteme braucht es daher:
- digitale Infrastruktur,
- klare regulatorische Rahmenbedingungen,
- und Vertrauen in Datensicherheit und technische Systeme.
Forschung für die Bauwende: Die Versuchsanstalt am KIT
Ein weiterer Höhepunkt war die Besichtigung der Prüflabore der Versuchsanstalt für Stahl, Holz und Steine am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Prof. Thomas Ummenhofer und sein Team gaben Einblicke in aktuelle Forschungsprojekte zu
- Holz-/Stahl-Verbundbauteilen,
- materialeffizienten Verbindungstechniken,
- Wiederverwendung tragender Bauteile,
- Materialentwicklungen im Holzbau
- sowie neuen Nutzungsmöglichkeiten für ausgediente Windkraft-Rotorblätter.
Besonders eindrücklich war die Diskussion über die Zukunft großer Mengen an Rotorblatt-Abfällen. Statt diese Materialien zu verbrennen oder zu deponieren, wird an neuen Anwendungen geforscht – etwa für Lärmschutzwände oder Bushaltestellen.
Auch im Holzbau wurden spannende Entwicklungen vorgestellt: Neue Verbindungstechniken, alternative Holzarten und materialeffiziente Querschnitte zeigen, wie sich Ressourceneffizienz deutlich steigern lässt.
Eine wichtige Erkenntnis:
„Dauerhaftigkeit und Wiederverwendung müssen gemeinsam gedacht werden.“
Das bedeutet:
- sortenreine Konstruktionen,
- sichtbare und lösbare Verbindungen,
- und Planung für zukünftige Nutzungsszenarien.


Die Gesprächsrunde: Was braucht es für die breite Umsetzung?
Die abschließende Paneldiskussion mit Fanny Thibault (Bellastock), Stéphane Herter (Stadt und Eurometropole Straßburg), Markus Tresser (Bauingenieur und Aktiv in der Normung des Zirkulären-Bauens), Anna Reiners (Circular Black Forest) und Geoffrey Meszaros (Réseau Origami) machte deutlich:
Das Wissen über zirkuläres Bauen ist inzwischen vorhanden – die große Herausforderung liegt nun in der Umsetzung und Skalierung.
Video des Nachmittags
Die Diskussionsrunde des Nachmittags haben wir für Sie aufgeziechnet.
Die Key Learnings fassen wir Ihnen zusätzlich hier im BLOG zusammen.
Öffentliche Hand und Kommunen als Schlüsselakteure
„Ohne die öffentliche Hand wird die Transformation nicht gelingen.“ betonen viele Speaker:innen.
Kommunen und öffentliche Bauträger können eine zentrale Rolle übernehmen:
- durch klare Ausschreibungskriterien,
- Wiederverwendungsquoten,
- Materialaudits vor Abriss,
- die Bereitstellung von Lagerflächen,
- und die Erfassung kommunaler Gebäudebestände als Materialressource.
Besonders Frankreich wurde mehrfach als Vorbild genannt. Dort existieren bereits gesetzliche Vorgaben zur Materialdiagnose vor größeren Rückbauten. Wiederverwendung hat dort klar Vorrang vor Recycling.
„Wiederverwendung darf kein Ausnahmeprojekt bleiben – sie muss zum neuen Standard werden.“
Leitfäden und gesetzliche Rahmenbedingungen als Hebel der Transformation
Ein weiterer Schwerpunkt der Gesprächsrunde waren regulatorische und praktische Werkzeuge für die Umsetzung zirkulären Bauens.
Markus Tresser gab einen Überblick über aktuelle Entwicklungen auf EU-Ebene sowie gesetzliche Rahmenbedingungen und Leitfäden in Deutschland. Fanny Thibault über die gesetzliche Entwicklung in Frankreich. Diskutiert wurden unter anderem:
- die europäische Bauprodukteverordnung,
- die Ökodesign-Verordnung,
- digitale Produktpässe,
- CO₂-Grenzwerte,
- sowie neue Anforderungen an Rückbau, Materialdiagnosen und öffentliche Ausschreibungen.
Deutlich wurde:
Die regulatorischen Grundlagen entwickeln sich zunehmend in Richtung Kreislaufwirtschaft – gleichzeitig bestehen in der praktischen Umsetzung weiterhin große Herausforderungen.
Leitfäden und Dokumentationshilfen spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie unterstützen Planende, Kommunen und Bauherr:innen dabei, Wiederverwendung systematischer in Projekte zu integrieren.
👉 Eine Zusammenfassung der vorgestellten gesetzlichen Rahmenbedingungen und Leitfäden stellen wir am Ende des Beitrags als Download zur Verfügung.
Wiederverwendung wirtschaftlich einfacher machen
Viele Akteur:innen sehen aktuell noch hohe Hürden:
- Lagerkosten,
- fehlende Standardisierung,
- Unsicherheiten bei Haftung und Normung,
- sowie zusätzlichen Planungsaufwand.
Gleichzeitig wurde betont:
Die Dynamik nimmt spürbar zu. Digitale Plattformen, neue Normungen und Materialdatenbanken entwickeln sich rasant weiter.
Zirkuläres Bauen braucht deshalb:
- funktionierende Märkte,
- digitale Plattformen,
- neue Geschäftsmodelle,
- und politische Rahmenbedingungen, die CO₂-arme Lösungen wirtschaftlich attraktiver machen.
Suffizienz gehört zur Bauwende dazu
Ein wiederkehrendes Thema war auch die Frage nach Suffizienz:
Brauchen wir wirklich immer mehr Neubau und immer mehr Fläche?
Mehrfach wurde betont:
„Die nachhaltigste Fläche ist oft die, die gar nicht neu gebaut werden muss.“ sagt Stéphane Herter
Zirkuläres Bauen bedeutet daher nicht nur bessere Materialien, sondern auch:
- weniger Ressourcenverbrauch,
- längere Nutzungsdauern,
- Umnutzung statt Abriss,
- und einen bewussteren Umgang mit bestehendem Gebäudebestand.
Fazit: Die Transformation hat begonnen
Die Veranstaltung zeigte eindrucksvoll:
Zirkuläres Bauen ist längst keine theoretische Zukunftsvision mehr.
Die technischen Lösungen existieren. Forschung, Praxisprojekte und politische Ansätze entwickeln sich dynamisch weiter. Gleichzeitig wurde aber auch klar:
Damit zirkuläres Bauen zum neuen Standard werden kann, braucht es Mut zur Umsetzung, stärkere politische Rahmenbedingungen und einen kulturellen Wandel im Umgang mit unseren Gebäuden und Ressourcen. Der Austausch zwischen den deutschen und französischen Akteur:innen hat gezeigt, wie wertvoll internationale Zusammenarbeit dabei sein kann – und wie viel Potenzial bereits heute vorhanden ist, wenn Wissen geteilt und gemeinsam gehandelt wird.
Und es gilt immer noch der Eindrucksvolle Satz von Damien Mehl:
„Bleibt neugierig, entdeckt Neues, explore!“
Wir freuen uns auf die nächste Station der Veranstaltungsreihe beim Webinar im Juni 2026 beleuchten wir Praxisbeispiele zum Leichtlehmbau (Mischungen aus Lehm und Zuschlagstoffen wie Holzhäckseln oder Hanf), Erfahrungsberichte, Herausforderungen und Lösungsansätze aus realisierten Projekten.
Weiterführende Links
- Präsentation der Gesprächsrunde von Zirkuläres Bauen #5 am 7. Mai
- Aufzeichnung der Gesprächsrunde auf You-Tube. (Link folgt in Kürze)
- Überblick aller Veranstaltungen dieser Reihe.
- Circular Economy Strategie der Stadt Karlsruhe #CircularKarlsruhe
Projektpartner und Förderer:

