Rückblick #3: Gebäude als Rohstoffbank

Am 13. November 2025 fand das erste Webinar und dritter Teil unserer deutsch-französischen Veranstaltungsreihe „Zirkuläres Bauen“ statt – diesmal mit dem Fokus auf Gebäude als Rohstoffbank – Erfahrungen aus den Niederlanden .

Unser Referent Stefan Dannel, interner Berater für nachhaltiges Bauen und Planen bei der Stadt Haarlem sowie Dozent für die Methoden des zirkulären Bauens an der Universität Wismar, hat uns spannende Einblicke aus seiner praktischen Erfahrungen gegeben: Was hat funktioniert, wo gab es Hürden – und welche Rahmenbedingungen haben entscheidend zum Gelingen beigetragen?

In diesem BLOG-Artikel fassen wir die Key Learnings für Sie zusammen. Wir haben zusätzlich das Webinar für Sie aufgezeichnet und oben eingebetet.

Stefan Dannel hat uns Einblicke in erprobte Ansätze gegeben und zeigte, welche Impulse aus Holland für aktuelle Bauprojekte bei uns besonders interessant sein könnten. Diesen Vortrag können Sie auch als Podcast auf Soundcloud hier anhören. Link zur Präsentation

Zirkuläres Bauen in den Niederlanden – was wir daraus lernen können

Einleitung

Der Bausektor steht im Zentrum der Nachhaltigkeitsdebatte – und das aus gutem Grund. Weltweit verursacht er einen erheblichen Anteil der Treibhausgasemissionen, verbraucht enorme Mengen nicht erneuerbarer Rohstoffe und produziert große Teile des globalen Abfallaufkommens. Gleichzeitig prägt er unsere Städte, unseren Alltag und unsere Lebensqualität für Jahrzehnte. Die Niederlande gelten in Europa als eines der Vorreiterländer für zirkuläres Bauen. Ein Blick auf ihre Strategien, Rahmenbedingungen und Praxisbeispiele zeigt, wie tiefgreifend die Transformation gedacht werden muss – und was andere Länder daraus lernen können.

Gebäude als Rohstoffbank denken

Ein zentrales Prinzip des zirkulären Bauens in den Niederlanden ist der Perspektivwechsel: Gebäude werden nicht mehr als Endprodukte verstanden, sondern als temporäre Materiallager. Materialien, Bauteile und Konstruktionen sollen so geplant und eingesetzt werden, dass sie nach der Nutzungsphase wieder verfügbar sind – möglichst hochwertig und mit minimalem Wertverlust. Ziel ist es, den linearen Kreislauf aus „abbauen – bauen – abreißen – entsorgen“ zu durchbrechen und durch echte Stoffkreisläufe zu ersetzen.

Vier Strategien für zirkuläres Design

Die niederländische Praxis des zirkulären Bauens lässt sich entlang von vier zentralen Designstrategien beschreiben. Erstens das Vertauschen: Primäre, fossile oder energieintensive Materialien werden wo möglich durch biobasierte oder sekundäre Materialien ersetzt. Zweitens das Verlängern: Gebäude werden adaptiv und flexibel entworfen, sodass sie sich an neue Nutzungen anpassen lassen, ohne umfangreiche Umbauten oder Abriss. Drittens das Verwerten: Statt Abriss wird auf gezielte Demontage gesetzt, um Bauteile und Materialien hochwertig wiederzuverwenden. Viertens das Vermeiden: Der effektivste Ressourcenschutz besteht darin, gar nicht erst neu zu bauen – etwa durch Umnutzung bestehender Gebäude, Mehrfachnutzung von Räumen oder das Teilen von Infrastrukturen.

Warum die Transformation stockt

Obwohl die technischen Lösungen weitgehend vorhanden sind, verläuft der Übergang zum zirkulären Bauen langsamer als nötig. Gründe dafür liegen weniger im fehlenden Wissen als in strukturellen Hürden: Märkte für Sekundärmaterialien sind fragmentiert, der Einsatz gebrauchter Materialien ist oft arbeitsintensiv und damit teurer, und wirtschaftliche Vorteile zirkulärer Lösungen werden in Ausschreibungen noch unzureichend berücksichtigt. Hinzu kommen uneinheitliche Messmethoden, unsichere Qualitätsstandards sowie rechtliche Rahmenbedingungen, die Wiederverwendung eher behindern als fördern.

Restwert statt Abschreibung

Ein besonders wirkungsvoller Hebel ist das Denken in Restwerten. In den Niederlanden wird zunehmend versucht, den zukünftigen Materialwert eines Gebäudes bereits in der Planungs- und Finanzierungsphase zu berücksichtigen. Wird ein Gebäude demontierbar entworfen, behalten seine Materialien einen ökonomischen Wert, der in die Gesamtkostenrechnung einfließen kann. Dieses Umdenken – weg von vollständiger Abschreibung hin zu langfristigem Werterhalt – verändert die Wirtschaftlichkeit zirkulärer Bauweisen grundlegend.

Die Rolle der öffentlichen Hand

Ein zentrales Lernfeld aus den Niederlanden ist die aktive Rolle des Staates. Öffentliche Auftraggeber, Kommunen und Provinzen fungieren als Marktmotoren, indem sie zirkuläre Anforderungen in Ausschreibungen verankern, Pilotprojekte ermöglichen und öffentlich-private Kooperationen fördern. Initiativen wie Holzbaupakte, zirkuläre Abrissabkommen oder experimentelle Bauprojekte schaffen Verbindlichkeit, Lernräume und Planungssicherheit für alle Beteiligten.

Zirkularität in der Praxis

Dass zirkuläres Bauen keine theoretische Vision ist, zeigen zahlreiche umgesetzte Projekte. Wiederverwendete Brücken, modulare Viadukte, Stadtmöbel aus alten Windrädern oder Gebäude, die vollständig für Demontage und Wiederaufbau konzipiert wurden, belegen die technische und organisatorische Machbarkeit. Besonders lehrreich ist dabei, dass Abrissunternehmen zunehmend zu Partnern des Wiederaufbaus werden und Planung, Rückbau und Neubau integrativ gedacht werden.

Mehrwert über den Klimaschutz hinaus

Zirkuläres Bauen entfaltet seinen Nutzen nicht nur durch die Reduktion von CO₂-Emissionen. Es stärkt regionale Wertschöpfung, reduziert geopolitische Abhängigkeiten von Rohstoffimporten, eröffnet neue Arbeitsfelder und kann zur Wiederherstellung von Biodiversität beitragen – etwa durch den verstärkten Einsatz biobasierter Materialien. Entscheidend ist, diese Synergien bewusst mitzudenken und politische Ziele miteinander zu verknüpfen.

Fazit

Die Erfahrungen aus den Niederlanden zeigen: Zirkuläres Bauen ist kein Nischenthema, sondern ein zentraler Baustein für eine nachhaltige Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft. Technisch ist vieles bereits möglich – der entscheidende Hebel liegt in den Rahmenbedingungen. Dort, wo Politik, Verwaltung und Marktakteure gemeinsam Verantwortung übernehmen, entstehen funktionierende Kreisläufe. Für Länder, Kommunen und Organisationen, die ernsthaft an einer sozial-ökologischen Transformation arbeiten, bietet das niederländische Modell wertvolle Orientierung: weg vom linearen Verbrauch, hin zu langfristigem Werterhalt – im Bauen wie im Denken.

Projektpartner und Förderer: